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Weg und Ziel des solmisationsgstützten Instrumentalunterrichts





Schulung der Tonvorstellung geschichtlich betrachtet

Als Lehrer des Instruments Gitarre präzisiere ich die Frage darauf, wie ich intuitives Spiel (vergleichbar mit dem Singen) fördern und gleichzeitig die komplizierte Orientierung auf dem Instrument, als Voraussetzung für Transposition und Improvisation erleichtern könnte. Die Klärung dieser Fragestellung soll auch im historischen und entwicklungspsychologischen Kontext erfolgen, um zu zeigen, dass die Fragestellung an sich im Instrumentalunterricht jederzeit aktuell ist. Vorreiter in der Erprobung diverser Systeme sind historisch belegt: Neben den ersten bekannten Aufzeichnungen darüber aus dem 11. Jh. von Guido von Arezzo und seinem Einsatz der Hand für die Tonhöhenorientierung sind auch Aufzeichnungen über die Verwendung zur Zeit von J.J. Rousseau im 18.Jh. bekannt. Im England des 19.Jh. verwendeten John Curwen und Ann Glover die „Tonic – Sol – Fa – Method“ für den Gesangsunterricht bereits mit Handgesten und kinästhetischen Darstellungen. In Deutschland wurde die „Tonika – Do Methode“ Anfang des 20. Jh. von Agnes Hundoegger (gest. 1927) vertreten. Eigene relative Systeme stammen von Carl Eitz (+1924) welches immer noch in Chur und St.Gallen an den Singschulen gelehrt wird, und Richard Münnich (gest. 1970), dessen JaLe-Methode in der DDR gelehrt wurde. Von größter Tragweite war die Einführung der relativen Solmisation zur „Musikalisierung“ der ungarischen Bevölkerung durch den Komponisten, Musikethnologen und -pädagogen Zoltán Kódály (gest. 1964), der als Kulturminister eine flächendeckende „Versorgung“ mit Solmisationsunterricht vom Kindergarten bis zur Universität einführen konnte. Mit Fritz Jöde kam ab 1952 die Solmisation auch in den Elementarunterricht im deutschsprachigen Raum. Dort wird die Vermittlung von Tonvorstellung auch noch auf relative Solmisation gestützt. Allen gemeinsam ist das Singen auf Vokalisen, u.a. auch in Verbindung mit Handgesten als Orientierungshilfe. Die relative Solmisation (Name von den einst gebräuchlichen Singsilben Sol – Mi) gibt mit der Bezeichnung von singbaren Silben Tonbeziehungen wieder. Die Silbenfolge als Tonbeziehung prägt sich schneller ein als der eigentliche Klang.

Experiment: Dieses Phänomen kann leicht überprüft werden bei musikalisch noch weniger Gebildeten durch folgendes Experiment: Schreiben Sie die Noten einer absteigenden kleinen Terz auf und bitten Sie jemanden, diese Tonfolge spontan ohne Instrument zu singen. Hier dürfte die Tonerinnerung für eine korrekte Wiedergabe fehlen. Dann setzen Sie unter die Silben „Kuckuck“. Durch diese Assoziation wird die Erinnerung an diese sicherlich schon oft gehörte und wiedergegebene Tonfolge wach und sie kann korrekt realisiert werden.

Solmisation als Grundlage der Tabula-Do-Methode

Das Ziel ist, durch häufiges Singen und Hören die Wahrnehmung und das Erinnern so zu schärfen, dass die Tongebilde auch ohne Silben erkannt werden, bzw. die Silben mitklingen. Auch unabhängig von der absoluten Tonhöhe wird eine Melodiegestalt wahrgenommen. Solmisation verdeutlicht Verwandtschaft von Melodien mit dem Tonmaterial. Wer solcherart das gesamte diatonische Gerüst verinnerlicht hat, dem werden Bausteine jeder Melodie und Harmonie vertraut sein. Dieses wird theoriefrei mit unmittelbarer Sinnlichkeit verinnerlicht und damit das spätere Verstehen vorbereitet. Die Solmisation ermöglicht spürendes (affektives) Wahrnehmen und Verstehen dadurch, dass mit den Tonverhältnissen auch Bewegungsgesten eingeprägt werden. Solmisationssilben sind in Verbindung mit Handgesten Werkzeuge zur Verinnerlichung der Musik und ermöglichen die Wiedergabe einer Melodie, singend oder still sich vorstellend.

Kindgerechtes ganzheitliches Lernen

Wir können heute glücklicherweise durch die zur Verfügung stehenden körpergerechten „mitwachsenden“ Instrumente mit Kindern ab 7 Jahren und in bestimmten Fällen auch jünger, als Anfänger rechnen. Deren Aufnahmefähigkeit ist enorm, die Art und Weise komplex, ganzheitlich. Dies ist eine ideale Ausgangslage, Musik, welche auch den ganzen Menschen anspricht, musisch – eben ganzheitlich – zu vermitteln. Eine theorielastige, durch Erklärungen sequenzierte kognitive Lehrweise könnte dem nicht gerecht werden. Die gewünschten Kompetenzen lassen sich durch Handeln aufbauen und Aktivität führt zum Begreifen auch theoretischer Grundlagen.

Sehen wir uns an, wie Kleinkinder das Singen erlernen, und zwar parallel zum Sprechvermögen. Die Entwicklungspsychologin Stefanie Stadler-Elmer hat hierzu zahlreiche Forschungsergebnisse zusammengeführt und veröffentlicht („Kind und Musik“, Springerverlag Berlin Heidelberg 2015). Sie nennt sensomotorische Aktivitäten, also das Zusammenwirken sinnlicher Wahrnehmung und der Motorik, „als wesentliche Grundlage für die Entwicklung von Zeitvorstellung von Lauten und Klängen, über deren wohlgeformte Ordnung und Wirkung“ . Es ist die erste elementare Fähigkeit von Kindern, sich singend auszudrücken mit zunehmender Differenzierungsfähigkeit. Schon ab 7 – 9 Monaten sind Kinder fähig, eine Reihe von musikalischen Parametern – wie rhythmischen Gebilden und Ähnlichkeiten zwischen Mustern – zu erkennen. Vokalisation und Hören stimulieren sich gegenseitig. Für eine musikalische Frühförderung sind daher die ersten 2 Jahre schon wichtig. Eine musikalische Umgebung begünstigt musikalische Herangehensweisen, ein Lied zu erlernen, vor der sprachlichen Herangehensweise. Das musikalische Kind experimentiert mit Tonhöhe, rhythmischen Varianten u.a.m. Dieses ontogenetische Prinzip, soll als Vorlage für die Methodik des solmisationsgestützten Instrumentalunterrichtes herangezogen werden. Von hier beziehe ich die Zielvorstellung, dass sich das solmisierende Singen vor der Umsetzung auf das Instrument durch eine handlungsleitende Vorgangsweise sukzessiv ausdifferenzieren lässt.

Die Tabula-Do-Methode für Gitarre

Wie beim Singen die durch Tun und Wiederholen gefestigten Tongebilde auch intuitiv wieder abrufbar sind, wird auch beim Instrumentalspiel – hier im Fach Gitarre – die musikalische Vorstellung zu intuitiver musikalischer Wiedergabe von melodischen Gebilden beitragen. Mein erster Band „Gitarre-Singe-Klinge-Bahn“ führt in den durch Solmisation gestützten Gitarreunterricht, der „Tabula Do-Methode® ein. Neu dabei ist für die Gitarrelehrpraxis der systematische mit vielen Hilfsmitteln gestützte Aufbau einer musikalischen Tonvorstellung, welche mit den wachsenden technischen Fertigkeiten Schritt hält. Die dazu in der Musikalischen Früherziehung vorhandenen Ansätze werden oft im darauffolgenden Instrumentalunterricht nicht mehr genutzt oder weiterentwickelt. Hier setzt mein Lehrwerk an: Ich verknüpfe haptische Bewegungserfahrung mit Tonhöhen- und Griffvorstellung. Dies geschieht durch das relative Singen in Zusammenhang mit den Körpergesten und deren Übertragung auf das Instrument. Die Solmisationssilben werden mit den Kindernamen codiert, welche im 2.Band beim Übergang zur absoluten Notation eine wichtige Rolle spielen (s.u.).

Ein wohl überlegter  Aufbau und unterschiedlichste die Assoziation fördernde Übungen helfen die Tonvorstellung für das Instrument zu erwerben und erleichtern das Erfassen der musikalischen Parameter, wie Rhythmus und Tonhöhe.

Das Ergebnis ist ein musikalisches Erfassen der Musik vor der Realisierung auf dem Instrument und damit einhergehend ein erleichtertes, durch die musikalische Vorstellung gestütztes Erlernen des Instrumentes, im vorliegenden Werk: die Gitarre. Konsequenterweise werden im ersten Band ausschließlich relative Ton(stufen)-bezeichnungen „Do, Re, Mi, Fa, So, La, Ti“ und für den Rhythmus eine Taktsprache verwendet. Die Tabulatur zeigt den Sitz des neu hinzukommenden Tones an. Der systematische Aufbau führt mit zahlreichen motivierenden Liedern vom Zweitonlied bis zu Dur – Mollmelodik und Pentatonik.  Beispielsweise soll der Darstellung der Tonhöhe als Handgesten auf den Notenlinien, die Assoziation zwischen Notenbild und Handgesten bzw. Tonhöhe gefördert werden

Der 2.Band führt ins Notensystem mit absoluten Bezeichnungen ein und in den wechselnden Gebrauch der relativen Silben zur Erfassung der Tonarten im Quintenzirkel, die Tabula – Do – Methode®. Diese besteht darin, das je nach Tonart wechselnde Do mit der Tonskalensystematik auf der Gitarre zu verbinden und mit der Tonvorstellung zu koppeln. Damit wird über die Umsetzung der Ton-Griff-Vorstellung auch die Grundlage zur Improvisation gelegt.

Auch hierin ist der solmisationsgestützte Unterricht für das kindliche Gemüt hilfreich, die Gesetzmäßigkeit und die Lage der Halbtonschritte zu erfassen und so auch das Zustandekommen der unterschiedlichen Tongeschlechter und Tonarten samt benötigter Versetzungszeichen zu erfahren. Hatten Do, Re, Mi, Fa, So, La und Ti ihren festen Platz auf dem Griffbrett, wird schnell klar, dass zwischen Mi und Fa, Ti und Do ein kleiner Abstand besteht, der so bleibt und die Klangcharakteristik sich dann verändert, wenn von einem anderen Ton (z.B. „La“) ausgegangen wird. Durch die Personifizierung (durchaus im Sinne des lateinischen „personare“ ) der Tonstufen als Kinder, welche nun alle Töne intonieren können, also Doris jeden Ton singen kann – mit anderen Worten der Grundton „Do“ bei jedem  Ton angesetzt werden kann.  Durch die Einführung mit dem ersten Band haben sich die Kinder bereits die klangliche Struktur der diatonischen Tonleiter eingeprägt. Mit den neuen Tonarten lernen sie im Melodiespiel auch neue Griffweisen („Modi“, z.B. Bild 10) auf der Gitarre am gesamten Griffbrett kennen, was ihnen die Transposition und die bewusste freie Gestaltung innerhalb dieser Modi (Improvisation) erleichtert. Dur-Moll, Pentatonik oder Kirchentonarten können ohne komplizierten theoretisch-kognitiven Hintergrund unterschieden und bewusst angewandt werden.

Hanspeter Frick, 3.November 2022

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